top of page

Schweigen ist Gold

Ich suche mein Glück nicht in Teebeutelsprüchen. Das wäre eine Fehlinterpretation meiner ersten Kolumne in der ersten Ausgabe. Es gibt ja sogar Menschen, die solche Weisheiten als passiv aggressive Einmischung in ihre Lebensgestaltung empfinden.

Andererseits, was spricht denn schon gegen eine kleine Warmdusche beim ersten Morgentee, solange ich mir dabei bewusst bleibe, dass die frohe Botschaft auf dem kleinen Zettel keine nachhaltige Wirkung erzielt ohne genaue Untersuchung des wissenschaftlichen Gehalts und anschliessende Machbarkeitsstudie? Entschlossen reisse ich also die Hülle des Teebeutels auf:

«Innerer Frieden kommt leise und langsam.»

Ok, «langsam» möchte der nach Effizienz strebende moderne Mensch jetzt nicht hören.

Mir kommt dazu jedoch prompt die nächste Strategie aus dem Buch «Words can change your brain» von Newberg und Waldman für eine gelingende zwischenmenschliche Kommunikation in den Sinn: Listen deeply.

Was könnte leiser sein, als gar nichts zu sagen, sondern einfach mal genau hinzuhören, was das Gegenüber mir mitzuteilen hat?

Ich habe festgestellt, dass mir dies deutlich einfacher fällt, wenn ich mich dabei auf etwas konzentriere, was mir beim Gegenüber zumindest ansatzweise sympathisch erscheint. Man kann das jetzt ruhig als Anregung auffassen, es beim nächsten Meeting mit einer unliebsamen Person selbst zu testen. Da diese Person auf einmal einem ungewohnt hohen, freundlichen Interesse an ihren Ausführungen ausgesetzt ist, huscht ein Lächeln über ihr Gesicht, was diesem zusätzliche Sympathiepunkte verschafft. Wenn ich einfach nur zuhöre und meinen Gesprächspartner dabei sorgfältig betrachte, mein inneres Geschwätz sich dadurch reduziert, fallen mir die lustigen Lachfalten und die sich hebenden Mundwinkel auch viel schneller auf. Meine Spiegelneurone lösen sogleich eine Gegenreaktion aus.

Wir sind wirklich so einfach gestrickt. Wenn innerer Friede ein Kriterium für Glück ist, sind gute Gespräche sehr wahrscheinlich einer von vielen Schlüsseln am Bund.


(erschienen im Magazin «Die Ostschweiz», No. 2 / 20)

bottom of page