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Frag lieber (nicht)

Am Jahresende ziehen wir Bilanz. Hand aufs Herz: Wieviel Wertschätzung hast du im vergangenen Jahr in zwischenmenschlichen Kontakten zum Ausdruck gebracht?

«Tja, sofern das Gegenüber diese verdient hat…», mag die rasche Antwort lauten.

simone hengartner

Nicht am Jahresende, sondern einige Monate vor seinem Tod gab Albert Einstein einem jungen Bewunderer folgenden Rat:

"Versuche nicht ein Mann des Erfolgs zu werden, sondern werde lieber ein Mann von Wert."

Wertvoll ist nicht – so seine Auffassung – wer der Weisheit letzten Schluss findet, sondern wer neugierig und offen bleibt. Wertvoll ist, wer sich getraut auch unbequeme Fragen zu stellen, welche unser Weltbild ins Wanken bringen und uns damit zu Fortschritt und innerem Wachstum anregen. Nicht immer wurden im vergangenen Jahr die Leute wertgeschätzt, welche sich diese Fähigkeit bewahrt haben. Dabei ist und bleibt die Wahrheit relativ.


Fragen wie «Schatz, weshalb hast du die Socken wieder liegengelassen?» oder «Wer bringt denn hier das Geld nach Hause?» mögen nicht in die Kategorie ‘entwicklungsfördernd’ gehören. Sie zeigen hingegen deutlich, dass wir auch in familiären (ökonomischen) Gemeinschaften vermehrt den ersten Schritt tun dürfen, indem wir gegenüber dem Partner oder der Partnerin unsere Wertschätzung ausdrücken. Ohne Fürsorge und Pflege wachsen Kinder nicht zu selbstständigen und empathischen Menschen heran und ohne nachhaltiges (Haus)Wirtschaften werden diese Menschen nicht mit lebensnotwendigen Gütern versorgt.


Weshalb gelingt es uns häufig nicht Wertschätzung auszudrücken für eine konstruktive Kritik, die uns weiterbringt? Vermutlich, weil die Kritik allzu oft noch vor einem anerkennenden Wort für unsere Anstrengungen erfolgt.

Also werfe zuerst Blumen, bevor du Steine wirfst.

Falls wir im Sinne von Einstein erfolgreicher werden wollen im Neuen Jahr, wie wäre es dann mit der folgenden Frage als Gedankenanstoss: Welches ist die wichtigste Frage, die du dir unbedingt selbst stellen solltest, es aber nicht tust, weil du die Antwort scheust?


(erschienen im Magazin «Die Ostschweiz», No. 6 / 20)

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